Es war einer dieser Sommerabende, an denen die Stadt flimmert. Draußen lag die Hitze schwer über dem Augustusplatz, die Luft fast unbeweglich. Und dann dieser Schritt durch die Türen der Oper Leipzig: ein kühler Atemzug, ein Moment des Ankommens. Doch wer glaubte, hier würde es ruhiger werden, täuschte sich. Denn was auf der Bühne folgte, ließ niemanden kalt.
Fäden der Macht und der Gefühle
Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ erlebte am 27. Juni 2026 seine letzte Aufführung – und zeigte sich noch einmal in voller Kraft. Die Inszenierung von Damiano Michieletto lebt von einer starken, sofort einprägsamen Bildsprache: Ein Geflecht aus Fäden durchzieht den Raum, sichtbar gemachtes Schicksal. Beziehungen, Macht, Intrigen – alles scheint miteinander verwoben, jederzeit bereit zu reißen.
Diese Produktion ist dabei selbst Teil eines größeren Geflechts: Sie entstand als internationale Koproduktion zwischen der Oper Leipzig sowie Häusern in Paris, Montpellier und Toulouse.
Man spürt in solchen Momenten, wie europäisches Musiktheater heute funktioniert – im Dialog, im Austausch, im Teilen von Ideen und Ressourcen.
Auf der Bühne ein Ensemble, das diesen Anspruch mit beeindruckender Selbstverständlichkeit einlöst: Yuriy Mynenko als Giulio Cesare, Olga Jelínková als Cleopatra, Gabrielė Kupšytė als Sesto und Kammersängerin Ulrike Schneider als Cornelia – sie alle tragen diesen Abend mit vokaler Souveränität und großer Bühnenpräsenz.
Es ist dieses Miteinander, das besonders berührt: nicht einzelne Sternstunden, sondern ein gemeinsames Leuchten.
Im Orchestergraben sorgt das Gewandhausorchester unter der musikalischen Leitung von Rubén Dubrovsky für jene klangliche Präzision und Farbigkeit, die Händels Partitur so lebendig macht.
Die Musik pulsiert, atmet, trägt – sie ist nie bloße Begleitung, sondern Motor und Herzschlag zugleich.
Schon frühere Kritiken beschrieben die Leipziger Produktion als musikalisch „lebendig und pulsierend, delikat und transparent“ – eine Charakterisierung, die an diesem Abend eindrucksvoll bestätigt wird. [deropernfreund.de]
Und am Ende: Standing Ovations. Langanhaltend, dankbar, fast ein wenig erschöpft – so, als hätte man gemeinsam etwas Großes durchlebt.
Ein Foyer voller Erwartung
Doch dieser Abend hatte noch einen zweiten Höhepunkt. Schon in der Pause war im Parkettfoyer eine besondere Spannung zu spüren – ein leises Wissen, dass hier gleich mehr als nur eine Aufführung zu Ende gehen würde.
Die anschließende Verabschiedung von Intendant Tobias Wolff wurde von Verwaltungsdirektorin Lydia Schubert moderiert – klar, zugewandt, mit jenem Ton, der dem Anlass gerecht wurde.
Oberbürgermeister Burkhard Jung fand Worte, die hängen blieben: Er dankte für die Öffnung des Hauses, für eine Oper, die „jung, frisch und geil“ geworden sei. Besonders hob er hervor, dass Wolff vieles leise erreicht habe – ohne große Gesten, dafür mit nachhaltiger Wirkung, sichtbar nicht zuletzt im Zukunftspreis des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst 2023.
Andreas Nowak, Vorsitzender des Förderkreises der Oper Leipzig fand ein anderes Bild. Er zitierte Bundeskanzler Helmut Schmidt mit der Frage, welche Eigenschaften es für einen Bundeskanzler brauche. Schmidt sagte seinerzeit „Willen braucht man. Und Zigaretten.“ Jetzt sei das Amt des Bundeskanzlers nicht mit dem eines Opernintendanten vergleichbar, auch wenn es sicher Amtsinhaber gebe, die das – wechselseitig – anders sehen würden.
Aber: Willen sei von Tobias Wolff überliefert, Zigaretten hingegen nicht. Aber in besonderen Momenten habe man ihn Pfeife rauchen sehen – in Momenten der Muße. Viel Anlass zur Muße gab es in den letzten vier Jahren, bedingt durch Corona-Pandemie und die generellen Rahmenbedingungen nicht. Dass Tobias Wolff sie trotzdem fand, sei bemerkenswert. Er habe in der Stadt wichtige und tiefe Spuren hinterlassen.
Tobias Wolff sei ein Mensch, der nicht laut auftritt, sondern wirkt, wenn Raum und Zeit es erlauben. Nowak erinnerte daran, dass Wolff seit 2002 mit Leipzig verbunden ist, dankte für „Giulio Cesare“ als Herzensprojekt – nicht zuletzt für Händelliebhaber – und überreichte als Zeichen der Wertschätzung die Lithografie „Eingebung“ der Leipziger Neo-Rauch-Schülerin Mandy Kunze. Sein Fazit: Der Förderkreis der Oper Leipzig gibt Tobias Wolff nur sehr ungern her, auch weil die Zusammenarbeit immer sehr auf Augenhöhe war. Aber Braunschweig darf sich glücklich schätzen, einen solchen Generalintendanten zu bekommen.

Mandy Kunze (*1978 in Burgstädt) ist eine renommierte deutsche Malerin und Vertreterin der Neuen Leipziger Schule. Sie studierte von 2005 bis 2010 Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig und war anschließend bis 2014 Meisterschülerin von Neo Rauch. Auslandsaufenthalte führten sie unter anderem nach Paris, Dublin und Tel Aviv.
Ihr unverkennbarer Personalstil bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Figuration. Geprägt von kraftvollen Farbwelten und dynamischen Strukturen, bricht ihre Motivwelt oft mit klassischen Sehgewohnheiten. Die Künstlerin lebt in Leipzig und arbeitet in ihrem Atelier auf dem Gelände der historischen Baumwollspinnerei.
Weitere Stimmen – vom Orchestervorstand bis zu den Freunden der Musikalischen Komödie – zeichneten ein ähnliches Bild: Zusammenarbeit, Vertrauen, Offenheit. Keine Selbstverständlichkeit im Kulturbetrieb.
Und schließlich Tobias Wolff selbst. Dankbar, sichtlich bewegt, mit einem Blick zurück, der keiner Abrechnung glich, sondern einem Innehalten: Dank an die Stadtspitze, an Weggefährtinnen wie Lydia Schubert, Cornelia Preissinger und Marlene Hahn, an das Ensemble, an alle Gewerke. Vor allem aber Dank für Begegnungen und Möglichkeiten.
Und mit einem Augenzwinkern: Er werde wiederkommen – um zu schauen, ob die Oper Leipzig weiterblüht.
Ein Abend, der verbindet
Vielleicht war es genau diese Verbindung, die diesen Abend so besonders gemacht hat: Eine Oper über Macht, Liebe und Verstrickungen – und eine reale Gemeinschaft, die zeigt, wie Zusammenarbeit gelingen kann.
Die Fäden auf der Bühne, sie waren mehr als ein Bühnenbild. Sie standen an diesem Abend auch für das, was ein Opernhaus trägt: Menschen, Ideen, Vertrauen.
Und während draußen die Hitze der Stadt langsam nachließ, blieb drinnen etwas zurück, das sich schwer beschreiben lässt – ein Gefühl von Nähe, von gemeinsam Erlebtem.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man sich wünscht, nicht nur Gast zu sein. Sondern Teil dieses Geflechts.

